Der „Eiserne Vorhang“: Beweis für ein menschenverachtendes System

Der „Eiserne Vorhang“ – über 40 Jahre lang trennte er Europa in zwei Blöcke. Über 40 Jahre lang wollte die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei ihre Bürger daran hindern, in den Westen zu gelangen. Trotzdem gab es immer wieder tschechische Staatsbürger, die diese schier unüberwindliche Grenze nach Deutschland oder Österreich überwanden. Auch wenn sie damit ihr Leben riskierten. Laut Reinhold Balk, der am 9. März an der Maristen-Realschule Cham vor den Zehntklässlern über seine Erfahrungen an der deutsch-tschechischen Grenze berichtete, waren es pro Jahr ungefähr 20 erfolgreiche Flüchtlinge.

Die Republikflucht war eine schwere Straftat. Wer erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Wie diese Zeit war, können sich heutige Jugendliche nicht mehr vorstellen. Auch nicht, dass man als Deutscher ein Visum brauchte, um in die CSSR reisen zu können. Reinhold Balk hat die Geschehnisse an der bayerischen Grenze als BGS-Beamter zehn Jahre lang hautnah miterlebt hatte, wusste eine Menge zu erzählen. Nur schwer kann man sich heute vorstellen, dass ein Staat in der Mitte Europas auf 356 Kilometer Länge einen fast unüberwindbaren Sicherheitszaun errichtete, der von 5000 Soldaten bewacht und von 314 Beobachtungstürmen aus Holz und Stahl gesichert war. Die Grenzsperrzäune standen bis 1967 unter Starkstrom (6000 Volt). Da aber die Grenzsicherung rund ein Drittel des gesamten Strombedarfs der CSSR verbrauchte, stieg man auf Schwachstrom um.

Im Gegensatz zur DDR-Grenze verlief der tschechische Signalzaun circa sechs Kilometer von der eigentlichen Grenze entfernt. Das hatte für den Flüchtling folgenden Nachteil: Sobald er den Zaun überwunden hatte, glaubte er, in Sicherheit zu sein. Doch sobald er den mit Schwachstrom gesicherten Zaun berührt hatte, wurde die sogenannte „PS-Unterkunft“ alarmiert. Daraufhin setzte sich eine Streife mit vier Soldaten und Hunden in Bewegung und nahm den Flüchtling an der eigentlichen Grenze fest. „Eine besonders fiese Masche war das Anzeigegerät“, erzählte Reinhold Balk. „Ein rotes Licht blinkte auf, das Zählwerk registrierte jeden Alarm. Die Grenzsoldaten mussten innerhalb von zwei Minuten herausfinden, was los war. Ansonsten mussten auch sie mit Konsequenzen rechnen.“

Reinhold Balk betonte, dass es an der bayerisch-tschechischen Grenze keine Minen und Selbstschussanlagen gegeben hat. Diese grausamen technischen „Raffinessen“ waren der deutsch-deutschen Grenze vorbehalten.

An der deutsch-tschechischen Grenze wurden insgesamt 350 Flüchtlinge getötet, darunter 30 Kinder und Jugendliche. Circa 250 Todesurteile für vollzogene oder vorbereitete Fluchtversuche wurden verkündet. Ob sie alle vollstreckt wurden, ist nicht bekannt. Auch auf Seiten der Grenzsoldaten gab es 645 Tote. Erstaunlich ist, dass sich darunter 236 Selbsttötungen befinden. Dies deute, so Balk, darauf hin, dass nicht alle Grenzschützer dem großen psychischen Druck gewachsen waren.

Reinhold Balk berichtete von einigen gelungenen Fluchtversuchen, so z.B. von der Flucht bei Höll im Juli 1953. Dabei gelang es acht tschechischen Bürgern mit einem selbstgebastelten Panzerwagen die Grenze zu überwinden. Das Gefährt, das einem tschechischen Panzerspähwagen ähnlich sah, durchbrach zwischen Haselbach und Höll im Altlandkreis Waldmünchen mit Vollgas den tschechischen Drahtverhau. Die tschechischen Grenzposten waren so verblüfft, dass sie keinen Schuss abgaben.

Besonders spektakulär war die Flucht auf den Drähten einer Hochspannungsleitung im Jahr 1986 bei Haugsdorf. Zwei Männer, 35 und 20 Jahre alt, hatten herausgefunden, dass die österreichischen und tschechischen Stromnetze miteinander verbunden waren. Und sie wussten, dass die obersten Kabel keine Spannung führten, sondern nur technischen Zwecken dienten. Also bauten sie Sitze mit Rollen und katapultierten sich damit auf dem obersten Kabel der Hochspannungsleitung in die Freiheit. Eine Berührung mit den übrigen Drähten hätte für sie den sicheren Tod bedeutet; diese standen unter einer Spannung von 380 000 Volt!

Genauso wie viele seiner Zeitgenossen hatte Reinhold Balk nicht damit gerechnet, dass dieser „Eiserne Vorhang“ fallen könnte. Doch 1989 war es so weit. Die kommunistischen Regierungen im Ostblock zerfielen und mit ihnen das rigide Festhalten an der Abschottungspolitik. Bei den Grenzöffnungsfeiern ab … durften sich Menschen aus Bayern und Böhmen zum ersten Mal seit Jahrzehnten treffen. Als der tschechische Außenminister Jiri Dienstbier und der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 23. Dezember 1989 den Stacheldraht am tschechoslowakisch-deutschen Grenzübergang Waidhaus/Rozvadov durchtrennten, besiegelten sie endgültig den Fall des Eisernen Vorhangs und bescherten den Tschechoslowaken das erste Weihnachtsfest in Freiheit seit über 40 Jahren.

Zur Zeit des Vortrags von Reinhold Balk ahnte noch niemand, dass sich die Grenzen zwischen Bayern und (diesmal) Tschechien wieder schließen könnten. Schon drei Tage später verkündete die tschechische Regierung, dass die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien dicht gemacht werde. Der Grund: Das Corona-Virus. Viele, die den „Eisernen“ Vorhang noch erlebten – sowohl auf tschechischer als auch auf deutscher Seite – fühlten sich an diese Zeit erinnert. Es ist zu hoffen, dass das Kontaktverbot im Laufe des Jahres zurückgenommen wird und sich deutsche und tschechische Freunde wieder persönlich begegnen dürfen.

Christl Hastreiter