Kriegsende vor 75 Jahren in Cham – Historische Führung mit Stadtarchivar Timo Bullemer

Wie war das Kriegsende in Cham? - Dieser Frage gingen die beiden 10. Klassen am 1. und 6. Oktober gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Christl Hastreiter auf den Grund. Stadtarchivar Timo Bullemer hatte sich spontan bereit erklärt, die Maristen-Schüler an ausgewählte Orte der Stadt Cham zu führen und sie mit entscheidenden Ereignissen im April 1945 vertraut zu machen. Ganz bewusst entschied sich Timo Bullemer für den Maristen-Sportplatz als Ausgangspunkt dieser besonderen Stadtbegehung. Von dort aus blickte man direkt auf das mächtige Gebäude des Studienheims St. Josef, das ab 1942 als Reservelazarett diente und 1945 ehemalige KZ-Häftlinge aus Flossenbürg aufnahm.

Bomben auf Bahnhof und Cham-West

Hier erzählte der Stadtarchivar, wie die Bombardierung Chams ablief. In der Nacht des 18. April 1945 kamen schwere britische Bomber vom Typ Avro Lancaster aus dem Norden und visierten die Gegend um den Bahnhof an. Damit sich die Piloten orientieren konnten, war das Zielgebiet vorher von Pfadfinder-Flugzeugen beleuchtet worden. Zu diesem Zweck hatten sie Leuchtkörper an kleinen Fallschirmen – sogenannten „Christbäumen“ - abgeworfen. Der eigentliche Angriff dauerte circa 20 Minuten. Die Bomben mit einem Gewicht von 317 Tonnen hatten nicht nur den strategisch wichtigen Bahnhof stark beschädigt, sondern auch Bereiche der Frühlingsstraße, am Taubenbühl und am Steinbruch sowie das Umfeld der heutigen Bäuml-, Westend-, Weiherhausstraße und Wolfgang-Schmidbauer-Straße getroffen. Südlich der Bahnlinie lag etwa die Hälfte der Gewerbebetriebe in Trümmern. Der Angriff kurz vor Kriegsende kostete 60 Menschen das Leben, 46 Personen wurden verwundet. Das von dem Chamer Künstler Roser gestaltete Mahnmal an der Tiergartenstraße erinnert an die Opfer des 18. April. Jeder von ihnen ist mit seinem Namen verewigt.

Einmarsch der US-Truppen

Von der Tiergartenstraße aus marschierten die Schüler Richtung Ludwigstraße und stoppten hinter dem „Spielcafé Kö“. Vor dem Gebäude, in dem sich 1945 die Metzgerei Luthner befand, spielte sich am 23. April 1945 eine dramatische Szene ab. An diesem Tag wurde die Stadt Cham von den Amerikanern eingenommen. Vor dem Benefiziatenhaus neben der evangelischen Kirche erwartete der Geistliche Alois Steinberger die US-Truppen und ging mit der weißen Fahne die Ludwigstraße auf und ab. Im Rückgebäude der Metzgerei Luthner hatte sich ein SS-Mann versteckt. Sobald die amerikanischen Panzer das Haus passierten, warf er eine Handgranate auf sie. Die US-Soldaten eröffneten das Feuer, das Luthner-Anwesen und das angrenzende Gebäude wurden beschädigt. Der SS-Mann erlitt einen Bauchschuss und kam ins Reservelazarett im Studienheim St. Josef. Dort verstarb er. Was diesen SS-Mann zu dieser Tat veranlasste, konnte auch der Stadtarchivar nicht sagen. Seine Motive kann man nur erahnen. Vielleicht wollte er, wie von Gauleiter Ruckdeschel gefordert, bis zum Schluss Widerstand leisten, auch wenn dies so sinnlos war. Gauleiter Ruckdeschel hatte noch am Vormittag des 23. April Hitlerjungen mit der Verteilung von Handzetteln beauftragt. Darauf stand, dass die Chamer am Abend zu einer Kampfkundgebung erscheinen sollten. Und das zu einem Zeitpunkt, als die US-Panzer nicht mehr weit entfernt waren. In dieser Zeit, erklärte Timo Bullemer, war es den Chamer Bürgern strengstens verboten, weiße Bettlaken an ihren Häusern zu befestigen. Trotzdem hatten sich viele auf diesen Tag vorbereitet und heimlich weiße Tücher zusammengenäht. Außerordentlichen Mut bewies Max Köppl, als er gegen 12.30 Uhr am Turm der Stadtpfarrkirche ein weißes Laken anbrachte. Er wollte die Stadt auf jeden Fall vor einer Bombardierung bewahren.

 

Weniger Glück hatten da die Bewohner von Untertraubenbach. Hier meinten einige deutsche Soldaten, das Dorf verteidigen zu müssen. Die Folge war, dass 18 Anwesen und 12 landwirtschaftliche Nebengebäude zerstört, außerdem fünf deutsche Soldaten beim Gefecht und drei Zivilisten beim Brand ums Leben gekommen sind.

Wie aussichtlos und unsinnig der Widerstand gegen die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt war, zeigte Stadtarchivar Bullemer an einem weiteren Beispiel auf. Hitlerjungen hatten sich am Bahndamm in der Nähe der Ortschaft Altenstadt postiert und ein Aufklärungsflugzeug mit Handfeuerwaffen angegriffen. Daraufhin schoss US-Artillerie in Richtung Altenstadt und zerstörte zwei landwirtschaftliche Anwesen völlig. Zwei weitere Höfe und ein Stadel brannten nieder. Was mit den Hitlerjungen geschah, sei nicht bekannt, so Bullemer.

Auf dem weiteren Gang durch Cham erfuhren die Schüler, dass viele Gebäude in Cham – darunter auch das Finanzamt - von den Amerikanern beschlagnahmt wurden. Diese brauchte man nicht nur für die eigenen Soldaten, sondern auch für die KZ-Häftlinge, welche die amerikanischen Soldaten bei Stamsried und Wetterfeld befreit hatten. 2000 von ihnen mussten in der Stadt untergebracht werden. Den Besitzern der Privathäuser blieb nichts anderes übrig, als bei Verwandten oder Bekannten Zuflucht zu suchen.

Gedenken an Bombenopfer und KZ-Häftlinge

Die letzte Station dieser besonderen zwei Geschichtsstunden war der Friedhof. Hier führte Timo Bullemer die Schüler zur Kriegsgräberanlage, die im Jahr 1957 angelegt worden war. Jedes der Opfer des Luftangriffs vom 18. April 1945 erhielt hier einen Gedenkstein. Unter ihnen der Lehrer Ludwig Schwan, der mit einer Schülergruppe aus dem Banat vor der sowjetischen Armee geflohen und erst am 17. April nach Cham gekommen war. Was aus den überlebenden Schülern geworden ist, sei nicht bekannt, erklärte Bullemer.

Nicht weit von der Kriegsgräberanlage entfernt befindet sich ein Gedenkstein für die 446 befreiten KZ-Häftlinge, die in Cham verstorben sind. Diese waren erst auf dem Chamer Friedhof bestattet und schließlich 1957 nach Flossenbürg überführt worden. Die Inschrift stimmt nachdenklich, aber auch hoffnungsvoll. Appelliert sie doch auch an die Generation der heutigen Schüler, sich für ein friedliches Zusammenleben einzusetzen.

Gedenken an 446 ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg, die auf dem Chamer Friedhof bestattet wurden

Die Zehntklässler hatten an diesen beiden Vormittagen die Gelegenheit, Orte der jüngeren Chamer Geschichte kennenzulernen und Interessantes über das Kriegsende zu erfahren. Herzlichen Dank an Herrn Bullemer, dass er den Schülern dies ermöglicht hat!

Noch ein Tipp: Bis zum Januar 2021 kann im Chamer Museum SPUR (Schützenstraße 7) die „Ausstellung zur Erinnerung an 75 Jahre Kriegsende in Cham“ besichtigt werden. Die Öffnungszeiten sind: Mittwoch, Samstag, Sonntag und Feiertage von 14-17 Uhr. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Christl Hastreiter