Vergeben, nicht vergessen!

Maristen-Realschule und Gymnasium Klattau: Deutsch-tschechische Schüleraktionstage zur Gestaltung einer besseren Zukunft

Die Klasse 9b der Maristen-Realschule durfte sich im Februar an einem ganz besonderen Geschichtsprojekt beteiligen. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Klattau nahm sie das Angebot des Evangelischen Jugendwerks im Dekanat Weiden wahr. Dieses verfolgt mit seiner grenzüberschreitenden Jugendarbeit das Ziel, zu Versöhnung und Verständigung in Bayern und Tschechien beizutragen. Durch die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen, wenn auch schwierigen Geschichte sollen die jungen Leute angeregt werden, sich gemeinsam für ihre Zukunft einzusetzen. Geleitet wurden die Studientage von Gisela Baur-Pajak, die ein interessantes Programm mit einem sehr engagierten Team zusammengestellt hatte. Das Gesamtprojekt "Dinge, für die es sich lohnt...: Wir bringen Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart zusammen" wird von der Projektstelle "Evangelische Jugend für Gedenken und Versöhnung" im Dekanat Weiden und der Kirche der Böhmischen Brüder im tschechischen As durchgeführt und vom Programm "Ziel ETZ-3" der europäischen Union gefördert. Unterstützt wurden die Studientage zudem vom "Tandem Sprachanimation".

Voraussetzung für die Teilnahme an dem Projekt „Vergeben, nicht vergessen“ war, eine tschechische Partnerschule zu finden, die ebenfalls Interesse an der Erforschung der jüngeren deutsch-tschechischen Geschichte hatte. Dank ihrer guten Kontakte zu Klattau fand die Geschichtslehrerin Christl Hastreiter in Lehrer Daniel Kadlec schon bald einen hochmotivierten Ansprechpartner. Das Auswahlverfahren für die tschechischen Schülerinnen und Schüler war streng geregelt. Sie mussten sich schriftlich bewerben und über Deutschkenntnisse verfügen. Die Schüler der Klasse 9b hatten es da deutlich einfacher; sie durften alle im Rahmen des Jahrgangsstufenprojekts mitmachen. 

Mitmachspiele und Crash-Sprachkurs

Die Vorfreude auf diese Studientage war auf Seiten der Maristenschüler sehr groß. Vier Tage fern von der Schule verbringen zu können, auch wenn man arbeiten musste, war eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag. Und es wurde der Klasse 9b wirklich viel abverlangt. Die Veranstalter bedankten sich immer wieder dafür, dass sie das straffe Programm ebenso wie ihre Mitstreiter aus dem Nachbarland durchgehalten haben. Die erste, vorsichtige Kontaktaufnahme mit den elf Schülerinnen und drei Schülern aus Klattau begann am Morgen des 17. Februar auf dem Chamer Schulberg. Dort stiegen die Maristenschüler mit ihren Lehrkräften Christl Hastreiter und Markus Karl in den Bus aus Klattau ein, um sich zu ihrer vorübergehenden Unterkunft in Altglashütte bei Bärnau bringen zu lassen. Nach circa eineinhalb Stunden Fahrzeit und dem Beziehen der Zimmer begann das Teambuilding. Unter der Regie der temperamentvollen Sprachanimatorin Veronika Krizkova musste so mancher Maristenschüler seine Hemmungen überwinden, um bei den Kennenlernspielen mitzumachen. Dazu gehörte auch das Erlernen der ersten tschechischen Wörter. Alle Teilnehmer bekamen ein deutsch-tschechisches Wörterbuch geschenkt, das sie hoffentlich auch in Zukunft nutzen werden. Nach einem inhaltlichen Einstieg in das viertägige Geschichtsprojekt ging es zur deutsch-tschechischen Grenze. Dort erklärte Michal Urban vom tschechischen Verein "antikomplex", der das Projekt mitgestaltete und die wichtige Aufgabe eines Dolmetschers übernahm, wie diese Grenze vor dem Fall des Eisernen Vorhangs ausgesehen hat. Im Anschluss an das erste gemeinsame Abendessen hatten die Jugendlichen viel Spaß beim bayerisch-tschechischen Abend. Beide Seiten hatten Gelegenheit, das Nachbarland besser kennenzulernen.

Auf den Spuren des tschechischen Widerstandes

Am Dienstagmorgen fuhr man nach Domazlice, um dort Spuren der gemeinsamen Geschichte zu erkunden. Das frühere Taus war die einzige große Stadt im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet, die nicht zum Sudetenland, sondern zum Protektorat Böhmen und Mähren gehörte. Folglich war hier der Widerstand gegen die deutsche Besatzung besonders stark. Die deutsch-tschechischen Teams bekamen den Auftrag, auf alten Fotos dargestellte Plätze ausfindig zu machen und Passanten nach den tschechischen Widerstandskämpfern Stasek und Smudek zu befragen. Kaum einer der Angesprochenen wusste über diese Männer Bescheid. Dabei spielten sie eine wichtige Rolle im tschechischen Widerstand.

Während sich der 1915 geborene Jan Smudek 1939 der Widerstandsgruppe „Verteidigung der Nation“ anschloss und sich an gewaltsamen Aktionen gegen die deutschen Besatzer beteiligte, wählte Monsignore Bohumil Stasek den gewaltlosen Weg. Unvergessen im tschechischen Bewusstsein ist die Laurentius-Wallfahrt am 13. August 1939. Vor rund 120 000 Pilgern versprach Monsignore Stasek bei seiner Predigt der Republik seine Loyalität. Daraufhin wurde er von der Gestapo verhaftet, in das KZ Oranienburg und anschließend bis 1945 in das KZ Dachau gebracht. Man kann sich die Begeisterung der Pilger gut vorstellen, als Stasek am 12. August 1945 wieder bei der Laurentius-Wallfahrt predigen durfte. 80000 Pilger hörten ihm zu. Angesichts dieser Rolle, die die Laurentius-Wallfahrtskirche in der Nähe der Stadt Domazlice für den tschechischen Widerstand spielte, war es klar, dass man diese besichtigte und sich ihre Bedeutung von Pfarrer Miroslaw Gierga erklären ließ. Interessant war auch die Information, dass die Laurentius-Wallfahrt 1949 von den Kommunisten verboten wurde. Vielleicht entschließt sich in Zukunft der eine oder andere Maristenschüler, anlässlich des alljährlich stattfindenden Chodenfestes dieser Kirche einen Besuch abzustatten und sich ihrer historischen Bedeutung zu erinnern.

Vertreibungsopfer

Auf der Rückfahrt nach Altglashütte machte der Bus einen kurzen Stopp in dem Ort Drazenov, der fünf Kilometer nordwestlich von Domazlice liegt. Dort hatte man ein Massengrab mit 54 Leichen gefunden, die bei Kriegsende von tschechischen Partisanen getötet worden waren. Um welche Personen es sich dabei handelt, ist nicht genau geklärt. Man geht aber davon aus, dass sich der Zorn über die Gräueltaten während der deutschen Besatzung an diesen Personen entladen hat. Michal Urban bedauert es als tschechischer Staatsbürger, dass bis heute kein Denkmal an dieses Ereignis erinnert.

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Am nächsten Tag stand zuerst der Besuch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg auf dem Programm. Der Rundgang durch das Gelände begann an der ehemaligen Kommandantur. Von dort führte der Weg zum früheren Lagertor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Hier wurde den ahnungslosen Häftlingen gesagt, dass sie das Lager nur durch den Kamin verlassen werden. Anschließend führte Herr Kostial von der Fachoberschule Weiden die Schüler in das Untergeschoss der Ausstellungshalle, wo die Inhaftierten nicht nur ihre Identität, sondern auch ihre Würde verloren. Nach einer schmerzhaften Ganzkörperrasur schickte man die Häftlinge zum Duschen. Das Wasser aus den Duschköpfen war entweder kochend heiß oder eiskalt. Nicht selten hielten die Kapos einen Hochdruckschlauch auf die Gefangenen, so dass viele von ihnen stürzten und sich verletzten. Ein Handtuch zum Abtrocknen gab es für sie nicht. Nach dieser Tortur erhielten die Gefangenen die gestreifte Lagerkleidung mit einer Nummer und einem farbigen Winkel, der sie einer bestimmten Gruppe zuordnete. Einen Namen trugen die Häftlinge nicht mehr.

Nicht weit vom Häftlingsbad entfernt konnten sich die Schüler auch über die Herkunft der Gefangenen informieren. Zu den insgesamt 84000 Männern und 16000 Frauen, die im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern inhaftiert waren, gehörten ca. 4200 tschechische Staatsbürger. Auf die Frage an die tschechischen Teilnehmer, wie die KZ-Gedenkstätte auf sie gewirkt habe, antwortete ein tschechisches Mädchen: „Ich hatte gespaltene Gefühle. Einerseits hat es mich sehr traurig gemacht, andererseits habe ich mich über die Personen, die überlebt haben, sehr gefreut. Es ist ein unbeschreiblich trauriger Ort. Keiner von uns kann sich vorstellen, wie schwer das Leben für die Häftlinge war.“

Befreiung des KZ-Außenlagers Falkenau

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg war an diesem Mittwoch nicht der einzige Platz, an dem sich die Schüler und Schülerinnen über die Grausamkeiten, die im Namen des Nationalsozialismus begangen worden waren, informierten. Auch in den Außenlagern auf tschechischer Seite wurden Menschen schikaniert, gefoltert und ermordet. So beispielsweise im KZ-Außenlager Falkenau (jetzt „Sokolov“), das am 8. Mai 1945 von US-Soldaten befreit worden war. Im Bezirksmuseum von Sokolov wurden die Schüler mit Bildern über den Zustand des Lagers, so wie es die Amerikaner vorgefunden haben, konfrontiert. In dem von dem Infanteristen Samuel Fuller gedrehten Film wird gezeigt, wie eine Gruppe von Falkenauer Bürgern Leichen bergen und anziehen musste. Den Befehl dazu gab Captain Richmond. Er sorgte auch für eine würdevolle Beerdigung der Toten.

In einer weiteren Abteilung des Bezirksmuseums wird das Thema Vertreibung – in Tschechien „Abschub“ genannt – thematisiert. Auf einem großen Tisch sind Alltagsgegenstände zu betrachten, die Deutsche vor ihrer Vertreibung zurücklassen mussten. Diese durfte man sogar anfassen und genauer betrachten. Einige Schüler fragten sich, was wohl aus den Besitzern geworden ist und ob es Nachkommen gibt. Für sie wären diese Fundstücke mit Sicherheit sehr kostbar.

Gedenkminute für die Opfer des KZ-Frauenlagers Zwodau

Das Frauenlager Zwodau (heute “Svatava“) war die letzte Station, die die Projektgruppe an diesem Tag ansteuerte. Mindestens 16 Frauen gelang es von November 1943 bis Mai 1945, aus diesem Lager zu fliehen. Unter ihnen die Französin Janina Bollack-Lesnard, die im November 1944 wegen Verdacht auf Typhus ins Krankenhaus nach Sokolov gebracht wurde. Da sie dort nicht bewacht wurde, nutzte sie mit anderen kranken Frauen die Gelegenheit zur Flucht und schaffte es nach einer langen Odyssee bis nach Heidelberg, wo sie die Besetzung der Stadt durch die Amerikaner erlebte. Damit war sie endgültig gerettet. Von dem Frauenlager Zwodau existiert nur mehr ein Mahnmal. Dort stellte jedes deutsch-tschechische Team nach einer Schweigeminute ein Grablicht auf. Mit dieser Geste wollte das Organisationsteam daran erinnern, welche schrecklichen Folgen Nationalismus und Rassismus haben können. Wie aktuell dieses Thema ist, zeigte sich noch am selben Abend. Ein 43-Jähriger tötete in Hanau zehn Menschen, das Motiv: Rassismus.

Präsentation der Gemeinschaftsarbeiten

Nach diesen vielen Informationen und Eindrücken fuhr die Gruppe zurück nach Altglashütte, wo eine Menge Arbeit auf sie wartete. Schließlich stand am nächsten Vormittag die Präsentation der Gruppenergebnisse auf dem Programm. Die Köpfe rauchten teilweise bis nach Mitternacht.

Die Präsentationen der deutsch-tschechischen Teams waren sehr abwechslungsreich. Ob in Form eines Blogs, von Plakaten, Fotos oder Videos – alle Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Für die deutsche bzw. tschechische Übersetzung sorgten die Schüler größtenteils selbst. Michal Urban war von den Resultaten sehr angetan, deswegen sparte er nicht mit Lob für die Projektteilnehmer: „Es war ein schwieriges Thema, trotzdem habt ihr durchgehalten.“ Er forderte sie auf, nicht pauschal von „den Tschechen“ oder „den Deutschen“ zu sprechen. „Für mich wäre es der größte Erfolg dieser Veranstaltung“, sagte er, „wenn dies nicht mehr passieren würde.“ Jeder sollte den anderen als Person wahrnehmen und ihn entsprechend behandeln.

Fazit der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit

Diese vier Tage waren für die Maristenschüler sehr wertvoll. Sie hatten erstmals die Gelegenheit, Gleichaltrige aus Tschechien kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen – egal, ob auf Deutsch, Tschechisch oder Englisch. Durch die Arbeit in den gemischten Teams wurden Barrieren abgebaut, am Ende sogar Adressen ausgetauscht. Das ist gelebte Völkerverständigung. Ein Schüler drückte es folgendermaßen aus: „In meiner Gruppe waren zwei Mädchen. Ich konnte feststellen, dass sie genauso sind wie wir. Sie waren nett und fleißig, folglich haben sie meine Meinung gegenüber der Tschechischen Republik ziemlich verändert.“ Und ein anderer: „Durch dieses Projekt habe ich zum ersten Mal tschechische Freunde gefunden. Ich hoffe, dass das lange so bleibt.“

Christl Hastreiter